Die Parkuhr Blog von Stefan Thielen

23Jun/142

Talkin‘ Bout A Revolution: Das (vorläufige) Ende der Doppelsechs

Vielleicht deutet sich bei der WM die größte Veränderung im Fußball der letzten Jahre an.

Was gebe es wichtige aktuelle Themen dieser Tage, über die es sich zu schreiben lohnen würde! Etwa über die negativen Wirkungen eines Mindestlohns, über die weiteren Entwicklungen der Europäischen (Währungs-)Union oder gar über den Sinn und Unsinn von Interventionen in andere Länder, zum Beispiel dem Irak. Das Thema jedoch, zu dem ich mich hier äußern werde, hat dagegen zwei wesentliche Vorteile aufzubieten, weswegen ich mich am Ende hierfür entschieden habe. Zum einen macht es mir weitaus mehr Spaß, mich mit Fußballtaktik zu befassen, als mit dem anderen genannten. Zum anderen glaube ich hier mit einigen Überlegungen auch ein paar neue Aspekte darlegen zu können, während die sonstigen genannten Themen schon weit öfter diskutiert wurden.

 

Revolution und Evolution im Fußball

Der Titel mag schon mal eine klare Ansage sein, jedoch möchte ich diese schon zu Beginn ein wenig einschränken. Aus meiner Sicht ist es durchaus nicht klar, ob wir bei dem zu Erläuterndem wirklich von einer Revolution sprechen können, oder ob es sich tatsächlich nur um eine Evolution, also eine Weiterentwicklung von bereits Vorhandenem, handelt. Eine Revolution dagegen müsste sich natürlich weitaus stärker auswirken um die Kriterien hierfür zu erlangen. Tatsächlich mag jeder Fußballexperte (und –laie) unterschiedlich Stufen dafür ansetzen. Ich persönlich sehe, und teile damit weite Teile der Literatur zu fußballerischen Taktikfragen, nur wenige wirkliche Revolutionen in der Geschichte des Fußballs. Mag man die gesamten rund 150 Jahre der Fußballhistorie betrachten, so kommen insbesondere drei bis vier große Wenden in Betracht, die dann immer von weiteren Entwicklungen begleitet und ergänzt wurden:

  • An erster Stelle steht so die grundsätzliche Abkehr vom Kick and Rush etwa in den 1920er Jahren, auch bedingt durch die Einführung bzw. Änderung der Abseitsregel. Diese ging noch dazu einher mit der Herausarbeitung von Merkmalen, die auch heute noch bestehen, etwa der Etablierung eines Spielmachers in oder hinter der Stürmerreihe, was sich in den kommenden Jahrzehnten immer mehr durchsetzte.
  • Eine im Vergleich weniger große Entwicklung mag sicher die Schaffung der Liberoposition in den 1960er Jahren sein, die quasi einen zweiten Spielmacher innerhalb der Abwehrreihe fest vorsah, was deutlich die Flexibilität der so agierenden Mannschaften stärkte.
  • Dem gegenüber steht das etwa zur gleichen Zeit entstandene neue Zusammenspiel von Pressing und Raumdeckung, welches insgesamt wohl auch von nachhaltiger Wirkung bis heute ist. Die Ursprünge sind hier wohl ursprünglich in Osteuropa zu finden, es hat sich aber insbesondere im niederländischen Totaalvoetbal wiedergespiegelt und seine letzte Perfektion im Tiki-Taka des FC Barcelona gefunden.
  • Als letzte große Revolution ist am Ende sicher die Einführung der Viererkette zu nennen, welche in den 90er Jahren zum ersten Mal in heutiger Form vom AC Mailand mit großem Erfolg gespielt wurde. Standen hier die Außenverteidiger zunächst noch tief, so ist die Entwicklung bis heute zu immer höher stehenden Außenverteidigern gegangen, die sich aktiv in den Angriff einschalten.

Arrigo Sacchi, der dieses System in Mailand etablierte, ist heute noch der festen Meinung, dass es seit dieser Einführung keine Veränderungen oder taktischen Revolutionen mehr im Weltfußball gegeben hat. Und in der Tat, schaut man sich heute noch die Aufstellung an, so findet man bereits eine von Rijkaard und Ancelotti geprägte Doppelsechs vor der Abwehrreihe, und auch der zweite nominale Stürmer neben Van Basten, Gullit, war eher als eine doch sehr hängende Spitze zu sehen, etwa so wie wir sie heute in der jeder Standardaufstellung sehen, die so schön mit 4-2-3-1 beschrieben wird.

 

Taktik, Erfolg und Momentum – Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt

Viele Fußballlaien, aber teilweise auch renommierte Kritiker, lehnen Diskussionen zu Taktik rundweg ab. Bei ihnen überwiegt die Überzeugung, dass starke Einzelspieler in einer guten Mannschaft in nahezu jeder Formation erfolgreich spielen können. Dies mag sein, und in der Tat finden sich in den Mannschaften, welche die oben beschriebenen Revolutionen mit hervorbrachten, zahlreiche Spieler, die zu den besten aller Zeiten zu zählen sind. Dem kann man aber sehr konkrete Argumente entgegensetzen, die wiederum zeigen, wie wichtig die Taktik ist. So konnten gerade die Innovationen im taktischen Bereich die Stärker eben dieser Spieler besonders hervorbringen. Natürlich war ein Franz Beckenbauer im Mittelfeld auch brillant, jedoch stärkte sein Agieren auf der Liberoposition die Mannschaften in denen er spielte ungemein. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass insbesondere bei der erfolgreichen Bayernmannschaft der 70er Jahre Schwächen auf einzelnen Positionen gerade durch die Überhöhung besonderer Stärken und durch die neu entstandene Flexibilität mehr als ausgeglichen haben.

Noch relevanter wird die Taktik jedoch für nominell schwächer besetzte Mannschaften. Als Beispiel fällt hier unweigerlich die griechische Nationalmannschaft bei der EM 2004 ein. Unter anderem durch die Nutzung des eigentlich antiquierten Liberos konnte sie sowohl andere Schwächen ausgleichen, insbesondere aber die Gegner überraschen. Hieran zeigt sich nicht nur die Möglichkeit Taktiken richtig einzusetzen. Vielmehr noch erkennt man, dass es nicht immer darum geht neue Taktiken zu entwickeln, sondern auch aus dem vorhandenen Repertoire das korrekte Mittel einsetzen. Dabei ist die richtige Wahl auch immer eine Frage des Momentums, weswegen sich unter anderem die großen Umbrüche auch über so viele Jahre hingezogen haben. Gerade wenn sich bestimmte Rhythmen verallgemeinern kann es sehr hilfreich sein, auf etwas Unerwartetes zu setzen, insbesondere wenn es zu dem Potential und den Fähigkeiten der eigenen Spieler passt.

Um es aus diesem kurzen Diskurs zwei Meinung meinerseits bereits heraus zu kristallisieren: Taktik ist unabdingbar, denn auch spielerisch überlegene Mannschaften können ohne passende Taktik ungewollt in Not gebracht werden, sofern ihre Schwächen durch entsprechende Gegenmaßnahmen aufzudecken sind. Auch bin ich der Überzeugung, dass es keine moderne oder altmodische Taktik im Fußball gibt, sondern nur die im Einzelfall erfolgreiche Taktik. Diese mag sich nicht immer mit dem „schönen Spiel“ vertragen, aber am Ende ist Fußball ein Wettkampfsport bei dem es um den Sieg geht, und hierzu ist als faires Mittel die Taktik die einzige Möglichkeit, die dem Trainer neben der Motivation kurz vor oder beim Spiel direkt gegeben ist. Wäre dies nicht der Fall, so könnte man im Prinzip auf den größten Teil der allseits beliebten Trainerdiskussionen vollständig verzichten.

 

Die Doppelsechs als neuer Standard der Defensive im Mittelfeld

Wie beschreiben vollziehen sich breite Veränderungen in der Fußballtaktik über viele Jahre. Mag die heute allseits beliebte und fast schon zum Standard gewordene Doppelsechs auch bereits in Sacchis AC Mailand von 1989 die passende Ergänzung zur Viererkette gewesen sein, so hat es doch nahezu 20 Jahre gedauert, bis sich diese Entwicklung am Ende nahezu vollständig durchgesetzt hat. Heute ist sie der absolute Standard, ich gehe mal davon aus, dass sie von 80 % der Mannschaften der Bundesliga und der Champions League gespielt wird.

Dabei ist die lange Zeit bis zur Einführung durchaus verständlich, hat es doch zunächst noch bis in die frühen 2000er Jahre gedauert, bis sich die Viererkette zumindest als Defensivmittel durchgesetzt hatte. Die Entwicklungen danach sind durchaus verschiedene: Auf einen einzelnen Sechser wurde zunächst zumeist gesetzt, um einen klassischen Spielmacher auf der 10 den Rücken frei zu halten, aber auch um das Spiel aufzubauen und die äußeren Mittelfeldspieler, quasi neben dem Spielmacher, stärker einzubinden, gerade wenn es sich zu Beginn noch nicht um spielstarke Innenverteidiger handelte. Am wichtigsten für die Etablierung der Doppelsechs ist jedoch die Tatsache, dass die Außenverteidiger in den 2000er Jahren nach und nach dazu neigten weiter aufzurücken und sich höher zu postieren. Wenn dies mit einem Sechser gespielt wird ergeben sich gleich zwei Probleme: Zum einen sind die Passwege zu diesem durch die gegnerischen Spieler im Pressing sehr leicht zuzustellen. Gerade dieses Pressing setzte sich wohl daher in diesem Zeitraum auch verstärkt durch. Ein zweiter Sechser konnte hier für eine stärkere Variabilität sorgen, in etwa so wie es früher durch den aufrückenden Libero geschehen ist, ohne dass der Spielmacher oder andere Offensivkräfte ständig nach hinten rochieren müssen. Zum anderen kann bei Gegenangriffen über den Flügel der jeweilige Sechser weitaus stärker und vor allem schneller unterstützen, als diese einem einzelnen „Staubsauger vor der Abwehr“ möglich wäre.

Dieser Hintergrund führt auch dazu, dass weitaus Einigkeit hinsichtlich des idealen Profils für einen Spieler in der Doppelsechs besteht. So hat dieser zum einen sehr zweikampfstark zu sein, zum anderen aber ist hier vor allem eine hohe Pressingresistenz gefragt, d.h. solch ein Spieler sollte sich nicht von herannahenden Stürmern aus der Ruhe bringen lassen, sondern gerade in solchen Situationen den Ball sicher an den Mitspieler bringen können. Dem entgegen sind geniale Momente oder gar Torgefährlichkeit aus dem direkten Spiel heraus weniger gefragt, da bereits vier offensive Spieler plus die Außenverteidiger das Spiel nach vorne gestalten.

Wichtiger ist am Ende eher die Frage, wie das Zusammenspiel der beiden Sechser gestaltet wird, da im Idealfall noch einer der beiden situativ sich eher offensiv postiert, so dass am Ende teilweise im Spiel auch eine asynchrone Aufstellung entstehen kann. Jeder deutsche Fußballinteressierte kann sich hier noch an die Diskussion in den Jahren 2009 bis 2010 erinnern, ob Ballack oder Schweinsteiger zusammen auf der Doppelsechs spielen können. Wir erinnern uns, sie konnten es nicht. Umso überraschender ist für mich daher, wieso es grundsätzlich bei Schweinsteiger und Khedira funktionieren soll… Aber dazu gleich.

Inzwischen wird in Deutschland die Doppelsechs seit knapp fünf Jahren in der heutigen Form in der Bundesliga eingesetzt und hat sich, unter anderem nach der Pionierarbeit von Louis van Gaal, fast völlig durchgesetzt. Was man aktuell zur Besetzung der Positionen sagen kann, ist dass diese vornehmlich defensiv ausgestaltet sind, insbesondere bei den Vereinen, die nicht im oberen Tabellendrittel mitspielen. Ob dies dem Mangel an geeignetem offensiv ausgerichteten Spielermaterial geschuldet ist oder sich nur der Wunsch der Trainer widerspiegelt vornehmlich sicher hinten zu stehen sei hier offen gelassen. Interessanter ist jedoch, dass sich ähnliches auch über die Champions League (jenseits der Topvereine) und zur aktuell laufenden WM 2014 sagen lässt, wobei sich dies auch eher erschließt: Nationalteams sind im natürlich weniger eingespielt als Vereinsmannschaften, daher sehen die meisten Nationaltrainer hier eher von gewagten Experimenten ab. Auch da in der Vorrunde eine Niederlage leicht das Aus bedeuten kann, genießt oft die Defensive Vorrang. Dass aber genau dieses Denken falsch ist, möchte ich im Folgenden zeigen. Zunächst soll aber nochmals ein Blick auf einzelne Begrifflichkeiten geworfen werden, da es hier Anlass zur Verwirrung gibt.

 

Doppelsechs und falsche Neun - Fehlinterpretationen von Begrifflichkeiten

Eben dies ist vor allem bei zwei Begriffen der Fall, die aber für den Inhalt dieses Artikels wichtig sind, weshalb hier eine Klärung Not tut. Es sind die Aspekte Doppelsechs und „falscher Neuner“

Gerade bei der Formulierung „Doppelsechs“ habe ich es schon angedeutet im bisherigen Verlauf der Argumentation: Mag es an der anfangs beschriebenen Tatsache liegen, dass die meisten Mannschaften tatsächlich mit zwei defensiven Sechsern spielen, so hat sich der Begriff Doppelsechs so eingebürgert, als wäre eine solche Aufstellung völlig normal und gebe es nichts anders. So wurde in den beiden bisherigen deutschen WM-Spielen immer die Doppelsechs kritisiert, obwohl Deutschland überhaupt nicht mit solch einer gespielt hat.

Tatsache ist, dass Lahm allein zentral vor der Abwehr spielte und Khedira auf einer Höhe mit Kroos davor, nur eben rechts und Kroos links. Leider haben die meisten Berichterstattungen dies völlig falsch wieder gegeben, was bedauerlich ist. Ein Beispiel dafür ist die Kritik, dass Khedira Lahm nicht genug bei der Defensiven Arbeit unterstützen würde, dabei entspricht dies überhaupt nicht seiner Rolle in einem 4-1-4-1 wie es aktuell von Deutschland gespielt wird. Um die Analyse zielgerichteter zu führen, hilft es ungemein sich die grundsätzliche Ausrichtung einer Spielanlage eines Mittelfeldspielers vor Augen zu führen.

So ist Khedira ist ein sehr vertikaler Spieler, der immer stark nach vorne zieht und dabei sogar eine hohe Torgefährlichkeit ausstrahlt. Von ähnlicher Anlage ist auch ein Schweinsteiger geprägt, allerdings beherrscht er auch ein horizontales Spiel. Trotzdem, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Schweinsteiger sich am besten in ein Spiel einbringen kann, wenn er von einem horizontalen Spieler mit stark defensiver Ausrichtung ergänzt wird. Beste Beispiele für solche Spielertypen sind van Bommel oder Martinez. Khedira spielte ebenso am stärksten, wenn er bei Madrid von Alonso den Rücken frei gehalten bekommen hat, während größere Probleme im Zusammenhang mit Modric auftauchten. Die so beschriebene Doppelsechs Schweinsteiger und Khedira hat dagegen eine sehr stark offensive Ausrichtung, und die starken Ergebnisse der deutschen Nationalmannschaft mit hohen Siegen in vielen Spielen der WM 2010 zeigen das, insbesondere wenn ein Konterfußball gespielt wird. Soll die Zusammenarbeit im defensiven Bereich jedoch auch funktionieren, so müssen beide ihre sonstige Rolle verändern und anpassen, da sonst eine Schwächung der Defensive in der Mitte eine Gefahr darstellt.

Von anderer Art, aber in der Auswirkung noch extremer, ist die Unklarheit bei der Formulierung „falscher Neuner“. Manchmal hat man hier den Eindruck, dass sogar Trainer diesem Aspekt aufsitzen und daraus sogar falsche Schlüsse ziehen. Geht man vom zurückfallenden und mitspielenden, teilweise gar spielgestaltenden Stürmer aus, so spricht man, und einzig und allein dann, von einer falschen Neun. Leider wird der Begriff inzwischen vollkommen falsch verwendet, was bedauerlich ist und für viel Verwirrung sorgt. Meist will man heute damit aussagen, dass spielstarke Mittelfeldspieler ins Sturmzentrum verschoben werden um dort als umgeschulte Stürmer zu wirken. Dies folgte dem Beispiel des Ausnahmespielers Messi, dem man ähnliches nachsagt.

Hierzu muss man wissen, dass bei Messi ein ganz anderer Hintergrund dazu führte diese Rolle zu spielen. Messi war von Anfang an ein hervorragender und torgefährlicher Stürmer, der ähnlich wie Christiano Ronaldo jedoch meist über außen kam. Im Ausnahmekosmos des FC Barcelona wurde dies uminterpretiert und er startete seine Solos und Kombinationen meist tiefer durch das zurückfallen ins Mittelfeld, behielt aber seine Torgefährlichkeit bei. Nun jedoch zu erwarten einem Götze, Özil oder wer auch immer als falsche Neun gehandelt wird diesen Torinstinkt noch nachträglich einzuimpfen ist meiner Ansicht nach illusorisch. Vor allem sind diese Spieler seit Jahrzehnten geschult das Spiel vor sich zu haben, nun sollen sie jedoch mit dem Rücken zum Tor agieren. Es ist abzusehen, dass diese Bestrebungen erfolglos bleiben werden.

Wer dagegen wirklich wissen will was eine „echte falsche Neun“ ist, wird dabei auch in Deutschland fündig. Klose lässt sich oft in die Mitte zurückfallen und spielt mit, er ist daher eine vorbildliche falsche Neun. Ein Thomas Müller ist dies mit Einschränkungen, da seine berüchtigten Laufwege als Stürmer zwar auch zurück in die Mitte führen, genauso oft aber auch auf die Flügel. Meist findet man falsche Neunen da, wo man sie nicht erwartet. Wer die Spielweise von Benzema analysiert findet ebenso eine falsche Neun wie bei einem Ibrahimovic, einem van Persie und vor allem einem Lewandowski. Und auch die deutsche Fußballgeschichte ist reich geschmückt mit solchen Spielern. Schaut man sich Völler oder Klinsmann etwa in Aufzeichnungen der WM 1990 an, so sieht man sie stets zurückfallen und Pässe oder sogar Doppelpässe mit den Mittelfeldspielern spielen, auch wenn sie natürlich genauso oft auf die Flügel ziehen. Selbst der legendäre Gerd Müller war in Teilen seiner Spielweise eine falsche Neun. Zwar hat man natürlich von ihm geschossene oder gewurstelte Bälle im Kopf, die dann irgendwie im Netz zappeln. Aber sieht man sich ganze TV-Aufzeichnungen seiner Spiele an, so kann man erkennen, dass er sich in vielen Spielsituationen bis an den Mittelkreis zurückfallen ließ und das Spiel mit den Mitspielern suchte. Vor allem die Doppelpässe, welche der FC Bayern in den 1970er Jahren spielte, dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden.

Es wäre zu hoffen, dass in Zukunft hier eine genauere Analyse stattfinden würde, da gerade das defensive Mittelfeld das Herz des Spiels einer Mannschaft darstellt. Leider aber tendiert die Berichterstattung auch in den öffentlich-rechtlichen Kanälen immer mehr zur Oberflächlichkeit. Taktische Details werden sehr selten oder nur auszugsweise erläutert. Lieber wird mehrfach ein joggender Bundestrainer am Strand gezeigt oder es werden ernüchternde Werbegespräche mit dem DFB über die mentale Befindlichkeit vorgetragen, als hier tatsächlich Experten ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Ich sehe hier den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht erfüllt wenn man mit die interessantesten Aspekte am Spiel auslässt, nur weil sie vielleicht eine gewisse Vorbildung selbst für Fußballinsider erfordern. Nachdem das ZDF die Experten von spielverlagerung.de vor einem Jahr mehrmals Spiele analysieren ließ, ist man inzwischen wieder davon abgegangen, dabei wäre doch gerade bei einer WM umfangreich Platz dafür. Dies weckt für mich den Eindruck, dass man den Zuschauern das Denken ersparen will und sich stattdessen auf die seichte Berichterstattung konzentriert. Vielleicht wäre es auch peinlich die sehr oberflächlichen Analysen der selbsternannten Expertentalks als teilweise falsch zu entlarven. Das Warten auf die Ansprache eines solchen Themas durch Beckmann, Delling oder Welke gegenüber den sicher kompetenten Gesprächspartner habe ich inzwischen allerdings aufgegeben, egal wie offensichtlich die Dinge auf dem Platz liegen.

 

Die WM zeigt es: Außenfokus schlägt die Doppelsechs und das 4-2-3-1

Wollen wir aber nach den Klärungen zu den Begriffen den Blick weiter richten, als die netten Plauderrunden es zulassen. Die Überlegungen zu diesem Artikel sind mir bei der Betrachtung der ersten Gruppenspiele bei dieser WM gekommen. Mit den heute beginnenden letzten Gruppenspielen setzt quasi die k.o.-Phase ein, und wir werden sehen ob sich die Tendenzen bewahrheiten. Fiel es auch schon beim bloßen Anschauen der Spiele auf, da es so extrem ist, so verdeutlichte es sich, wenn man es genauer analysiert auch in konkreten Zahlen. Inzwischen ist mit 32 Spielen die Hälfte dieser WM bereits gespielt und es wurden insgesamt 94 Tore geschossen. Die Anzahl der Tore, die über Außen vorbereitet wurden, überwiegen bei weitem. Teil man die Tore in Mitte, Links, Rechts und Standards ein, so fielen mit 20 Toren die geringste Zahl durch die Mitte, während über links 23 Tore generiert wurden und über rechts 27, die Standards fallen mit 24 Toren ins Gewicht. Also, nur gut 20 Prozent aller Tore durch die Mitte! Wenn wir jetzt noch solche kuriosen Fälle wie den Fehler des russischen Torwarts gegen Südkorea oder die direkten Vorlagen durch die Schweizer gegen Frankreich zum 0:2, bzw. von Phillip Lahm beim 1:2 gegen Ghana abziehen, wird das Ganze noch eklatanter. Man kann es auf den Punkt bringen indem man sagt, dass die Mitte zu ist!

Auch der genauere Blick auf die wirklich gefallen Tore durch die Mitte verdeutlich dies, denn diese wurden nahezu alle durch einzelne und geniale Aktionen von unbestreitbaren Superstars erzielt. Da ist Neymar im Eröffnungsspiel zu nennen, aber bereits doppelt wurde auf diese Art und Weise durch Messi, Robben und Benzema getroffen. Man kann schließen, dass um durch die heute enge Mitte erfolgreich zu sein, man wirklich besondere Spielzüge braucht oder man lässt es gleich. Und, werfen wir ein Blick auf die wichtigen Tore der Champions League zurück, so deckt sich das mit dem Bild der WM. Auch hier kam die Gefahr meist von außen, was sich gerade bei Christiano Ronaldo immer wieder zeigt.

Schaut man sich dann die Erfolgsmittel in der Verteidigung an, so wird dies noch deutlicher. Real Madrid hat Bayern nicht durch ein Offensivfestival geschlagen, sondern indem es insbesondere die Außenverteidiger sehr zurückgezogen spielen ließ um Robben und Ribery hier den Raum eng zu machen. Nach vorne wurde dann sehr schnell gespielt und vor allem der Platz genutzt, den die aufgerückten Außenverteidiger der Bayern ihnen ließen. Gerade in den entscheidenden Spielen hat Real so eine Schwäche abgestellt, die vorher sogar in den Spielen gegen Schalke und Dortmund sehr deutlich sichtbar wurde.

Was auf den Außenlinien somit klar wird, zeichnet sich somit auch in der Mitte ab. Ein einzelner Mittelstürmer, egal wie stark er ist, geht meist gegen zwei Innenverteidiger unter, sofern nicht schnell gespielt wird und er ein wenig Raum in der Mitte hat. Werden präzise Flanken gar nicht erst zugelassen, so ist er meist genauso verloren wie der Spielmacher, der sich zwischen zwei Innenverteidigern und zwei manchmal defensiven Sechsern aufreibt. Aktuell besteht aber die Tendenz eher die Außenräume zu überladen, etwa durch aufrückende Außenverteidiger.

 

Neue und alte Ansätze erfolgreich zusammenführen

Fasst man diese Erkenntnisse zusammen, so mag dies alles in allem gegen ein Ballbesitzspiel und für das schnelle Umschalten über die Außen aufgefasst werden, aber hier möchte ich mich nicht so schnell festlegen. Zunächst gilt es die Problemzonen auf den Punkt zu bringen, eine Lösung kann aus meiner Sicht sowohl mit Ballbesitz- als auch im schnellen Umschalten erfolgreich umgesetzt werden, wenn diese Problempunkte beachtet werden.

Wichtig ist am Ende einzig und allein, dass die möglichen Lösungen auch zu den vorhanden Spielern passen. Es gibt mehrere erfolgsversprechende Ansätze, die man dahingehend prüfen kann. Weiterhin muss man aber auch insgesamt grundsätzliche Lehren aus den Entwicklungen ziehen, die hier zunächst betrachtet werden sollen.

So sollte zunächst ein Blick auf die Struktur des jeweiligen Gegners gelegt werden um zu sehen, mit welchen Mitteln er seine Erfolge erzielt. Natürlich kann man Spitzenmannschaften nie ganz ausschalten. Aber wie schon oben erwähnt sind bei jeder Mannschaft Schwächen vorhanden, die man nutzen kann. Ist es in der Tat so, dass eine Mannschaft im schnellen Umschalten über Außen einzig und allein ihre Erfolge sieht, so ist es fahrlässig hier mit hoch stehenden Außenverteidigern selbst das Spiel zu machen, noch dazu wenn die Gegner auf den Positionen den eigenen Spieler in Schnelligkeit und/oder Durchsetzungsvermögen überlegen sind. Wenn diese Tatsachen einem Trainer bekannt sind, so kann er seine Abwehr eher durch eine defensive Viererkette stärken als durch zwei defensive Sechser.

Ebenso wenig macht es aber auch Sinn das Spiel über Außen weiter zu befeuern wenn sich in der Mitte keiner findet, der die dort erarbeiteten Gelegenheiten verwerten kann. Zieht sich der Gegner komplett zurück mag zwar mit zwei Spielern auf den Flanken ein Übergewicht zu finden sein. Jedoch braucht auch dann der Stürmer in der Mitte schon eine besondere Klasse um die Hereingaben gegen zwei Innenverteidiger zu verwerten. Schon absurd wirkt in diesem Zusammenhang wie eben erwähnt die dauernd geschürte Diskussion hinsichtlich eines „falschen Neuner“. Wie schon erwähnt, damit jemand überhaupt ein falscher Neuner sein kann, muss er zunächst überhaupt erst mal ein Neuner sein. Dies bedeutet ein torgefährlicher Stürmer oder im Klartext ein „Knipser“.

Hier wird jedoch schon deutlich, dass man erst das Augenmerk auf die Mitte legen sollte. So haben sich die meisten Mannschaften so sehr auf das Spiel über Außen festgelegt, dass es wieder ein sehr wirksames Mittel sein kann, auf die defensive Doppelsechs zu verzichten. So macht es oft Sinn sich auf einen defensiven Mittelfeldspieler zu beschränken und etwa eine Raute zu spielen. Durch die beiden Achter kann so in Verbindung mit dem Zehner und dem Stürmer wieder eine höhere Variabilität hergestellt werden, um insbesondere einer tiefstehenden Defensive des Gegners beizukommen. Dies kann aber nicht einfach als Grundsatz gesehen werden, denn noch erfolgsversprechender ist am Ende eine Aufstellung mit Blick auf die Schwächen des Gegners. Dabei müssen zwei Dinge im Fokus stehen: Zum einen ein Blick auf Offensiv- oder Defensivorientierung der gegnerischen Sechser und/oder Achter, zum anderen aber auch die Staffelung der Reihen in der gegnerischen Abwehr beim eigenen Ballbesitz. Gerade durch Bespielen der Zwischenräume und dem Einsatz der geeigneten eigenen Spieler innerhalb dieser können so auch durch die Mitte Durchbrüche erzielt werden. Dazu kann sich einer der Achter in diese Linien hinein bewegen, genauso aber kann sich ein Stürmer in diese zurückfallen lassen, sofern er über ausreichend Spielstärke verfügt. Über beide Arten können Überzahlsituation auch in dieser Zone geschaffen werden, je nachdem welche Arten von Spielern zur Verfügung stehen. Sind dabei Schwächen klar erkannt, so kann eine eigene Aufstellung auch mit einer asynchronen Staffelung besonders erfolgreich sein, etwa in dem der eine Achter höher steht als der andere. Gleiches gilt dann auch für den Spielmacher, falls mit einem solchen gespielt wird.

 

Und jetzt das ganze nochmals in konkret: Deutschland bei der WM 2014

Wie gerade angesprochen bilden die für die aktuell laufende WM zur Verfügung stehenden Nationalspieler ein wichtiges Element. Deutschland verfügt über einen der wohl spielstärksten Kader im Teilnehmerfeld, aber in anderen Feldern sind Probleme offensichtlich. So wird der Mangel gerade bei den äußeren Verteidigerpositionen und im Sturm gesehen, während starke Spieler im Mittelfeld verletzt oder noch nicht in Bestform sind. Die Kaderzusammenstellung auf dieser Basis wurde mehrfach kritisiert und auch für mich zeigt sich ein Kritikpunkt, der sich aber zunächst noch nicht an einer bestimmten Position festmachen lässt. Wie beschrieben bedeutet eine sinnvolle taktische Ausrichtung sich dem Gegner mit den besten Mittel zu stellen. Bei einer WM können diese Gegner stark variieren und ab einem gewissen erreichten Finalgrad kann man diese auch nicht mehr planen. Im Endeffekt muss man im Vorfeld neben den drei Gruppengegner auf jedes weitere der 28 Teams vorbereitet sein, ohne auch nur sicher sein zu können, wie genau dann diese Mannschaften agieren werden und in welcher Struktur sie sich eingespielt haben. Darüber hinaus muss man selbst darauf gefasst sein, dass wichtige eigen Spieler im Verlauf des Turniers durch Sperren oder Verletzungen ausfallen.

Eine dominierende Mannschaft wie Deutschland sollte allerdings vor solch einem Turnier in der ausgiebigen Vorbereitungsphase ein eigenes System eingespielt haben, um so die bekannten Stärken zur Geltung zu bringen. Offensichtlich ist dies ein System mit einem einzelnen defensiven Mittelfeldspieler mit Lahm. Aus meinen Darlegungen sehe ich es als richtig an, mit diesem System zu spielen. Auch die Besetzung von Lahm auf die Sechs finde ich sehr gut, da er diese Rolle hervorragend durch seine hohe Spielintelligenz und Zweikampfstärke besetzen kann. Dies deckt sich auch mit meinen Überlegungen auf den Außenpositionen, dass hier eine Gefahr droht, wenn die Verteidiger hoch stehen, wie es bei Lahm nun mal der Fall ist. Gerade da die deutschen Gegner der Vorrunde hier ihre Stärken haben wäre ein Lahm auf Außen verschenkt wenn er sich selten frei über die Mittellinie bewegen kann.

Was mir in der Kaderaufstellung jedoch nicht klar ist, ist wer Lahm auf der Position ersetzen sollte, wenn er nicht spielen kann. Der einzige nominelle Spieler, einen nicht ganz fitten Schweinsteiger außen vor gelassen, ist Kramer, der diese Rolle aber im Verein nicht allein ausfüllt und trotz seiner Talente noch erheblichen Entwicklungsbedarf aufweist. Wenn der Trainerstab dieses System durchzieht, so ist es völlig unverständlich, warum der stärkste und konstanteste Bundesligaspieler auf dieser Position in genau diesem System nicht mit zur WM fährt, nämlich Daniel Baier vom FC Augsburg. Soll das System nun in so einem Fall aufrechterhalten werden, so bleibt eigentlich nur die Lösung Hummels auf die Position vorzuziehen. Auch wenn er diese seit Jahren nicht mehr gespielt hat sehe ich bei seinem Können wenig Probleme, insbesondere könnte hier seine Spielstärke noch besser zur Geltung kommen als auf der Position des Innenverteidigers, auf der er durch starke Kollegen nicht unersetzlich ist. Hoffen wir trotzdem, dass es nicht notwendig wird, denn trotz einiger Schwächen von Lahm hat er seine Aufgaben im ersten Spiel nicht schlecht gelöst, während im zweiten Spiel Kritik laut wurde. Die Kritik ist in Teilen jedoch auch unangebracht, da hier falsche Maßstäbe gesetzt werden. Lahm hat nun mal hier andere Aufgaben als wenn mit Schweinsteiger und Khedira auf gleicher Position gespielt wird. Die Kritik muss eher an diesen Spielern ansetzen, auch an Kroos, wenn sie ihre größeren Freiheiten im Spiel nach vorne nicht genutzt haben. Daher sollte aus meiner Sicht sollte aktuell ein Wechseln von Lahm auf außen ausbleiben, da hierdurch eher ein neuer Problemherd geschaffen werden würde.

Auf Außen defensiv selbst mag der Einsatz von zweikampfstarken Innenverteidigern nicht nur gegen Portugal das korrekte System gewesen sein, sondern sich auch, bleibt man beim gespielten System, in weiteren Spielen bewähren. Hier ist es wichtig die Außenstürmer der Gegner von Fall zu Fall zu analysieren und die passende Variante zu finden. Insbesondere Großkreutz traue ich zu beim Einsatz auch eine defensive taktische Ausrichtung durchgehend zu verfolgen, während auch Durm schon hervorragende Leistungen, insbesondere im Zusammenspiel mit dem direkten Nebenmann Hummels, gezeigt hat.

Von der Ausrichtung vorne her gesehen zeichnet das Spiel mit nur einem Sechser bereits das offensive Spiel vor. Aktuell wurde mit den Achtern Kroos und Khedira/Schweinsteiger agiert. Für mich ist nicht klar, ob dies gerade für Kroos die ideale Position ist, da er meist über das Passspiel agiert, aber zuweilen zu weit von den Stürmern weg ist, die er mit diesen Pässen bedienen soll. Auch nimmt er auf dieser Position oft zu stark das Tempo aus dem Spiel, welches eigentlich für Torerfolge im Gegenzug unabdingbar ist. Aus meiner Sicht könnte sogar die Besetzung Schweinsteiger/Khedira vor Lahm ideal sein wenn man mit einem tatsächlichen Spielmacher spielen will, was einen Umstieg auf die klassische Raute bedingen würde.

Damit sind wir auch schon bei den Problemen, die diese Formation mit sich bringt. Zwar wird das gestalterische im Mittelfeld gestärkt, jedoch fehlt hierdurch eine Position in der direkten offensive. Dies würde bedeuten, dass man mit zwei Spitzen spielt, was sehr effektiv sein kann um Überzahl im Strafraum zu erzeugen. Allerdings erfordert dieses Spiel auch Spitzen, oder zumindest eine der beiden, die sich zurückfallen und das Spiel mit gestalten, eben falsche Neunen. Es ist ein Spiel wie es Kruse oder Volland pflegen, die beide jedoch nicht den Weg nach Brasilien angetreten haben. Jedoch ist so eine Gestaltung mit Klose und Müller ebenso möglich. Um beiden jedoch nicht ihrer Torgefährlichkeit nach Flanken zu nehmen braucht es aber auch wieder Spieler, die sie von außen mit Flanken versorgen, seien es Außenstürmer oder hoch stehende Außenverteidiger. Wir sehen, wie man es dreht Probleme, vor allem wenn man dadurch Spieler wie Götze oder Özil außen vor lässt, um die jede andere Mannschaft den deutschen Kader beneidet.

„Wir wollen auch etwas entwickeln, womit wir den anderen voraus sind.“ Dies hat Hansi Flick bereits 2011 gesagt. Wie beschrieben werden wohl neue Ansätze ausprobiert, aber ob man damit wirklich einen Schritt voraus ist, wird sich erst noch zeigen. Aus meiner Sicht ist man in einzelnen Aspekten bereits auf dem richtigen Weg, etwa indem man auf einen obsolet gewordenen zweiten defensiven Sechser verzichtet und die defensive Komponente der Außenverteidiger stärkt. Jedoch wird noch nicht deutlich, wo das wirklich Neue sich entwickelt. Dies könnte etwa, wenn man schon mit vielen Innenverteidigern spielt, der Rückgriff auf eine Dreierreihe sein. Oder das Vorziehen von einem der Innenverteidiger um somit einen Sechser zu generieren, sei es auch nur in bestimmten Phasen des Spiels. Auch eine grundsätzliche Abkehr von einer symmetrischen Aufstellung hin zu einer eher diagonalen Spielweise, nach Beispiel der Brasilianer in den 60er Jahren, könnte ein Mittel sein. Mag sein, dass dies zu experimentelle Methoden gerade in einer Nationalmannschaft sind, jedoch können sie den Gegner überraschen und unter Druck setzen, wenn es eben die passenden Mittel sind. Wir werden sehen, was noch kommt.

 

Fazit

Will man am Ende die Frage nach der Revolution zu beantworten, so lohnt es sich nochmals kurz einen Blick darauf zu werfen, wo sie sich noch oder schon stärker manifestiert als bei der deutschen Nationalmannschaft. Viel stärker setzt der bereits erwähnte van Gaal bei seinen Niederländern, man möchte fast sagen wieder mal, auf etwas Neues. Er spielt mit einer Fünferreihe in der Abwehr, bei der die Außenverteidiger auch weit nach vorne aufrücken dürfen. Die in der Mitte gestärkte Abwehr erlaubt es der „Doppelsechs“ daher viel höher zu agieren. Man könnte dies auch so interpretieren. dass einer der Innenverteidiger den Sechser gibt, wobei wir dann bei dem oben beschriebenen System wären. Dafür entsteht in der Mitte eine Überzahl durch zwei Stürmer, die aber auch nach außen ziehen können. Es zeigt sich, dass diese Aufstellung für ein schnelles Spiel nach vorne, egal ob über die Außen oder die Mitte, mit den entsprechenden Spielern sehr gut geeignet ist. Ob es dann auch von Erfolg gekrönt wird, ist am Ende wieder mal eine Frage des Momentum. Wer als erster mit solchen Dingen experimentiert, also quasi den Revolutionär gibt, muss nicht immer der Sieger sein. Es kann durchaus sein, dass Einzelaspekte nicht bedacht wurden oder nicht absehbar waren. So kann es am Ende zum Scheitern führen, wie es eben oft bei Revolutionären der Fall ist.

Ob wir bei dieser WM wirklich erste Ansätze einer Revolution sehen, wird sich daher auch erst noch zeigen, vielleicht auch erst im Nachlauf von einigen Jahren. Daher mag es geboten sein, aktuell beim Gesamtbild noch eher von einer Evolution zu sprechen. Jedoch zeigen sich erste Anzeichen, dass sich die Taktik wieder am Verändern ist. Die sichtbare absolute Dominanz des Spiels über Außen verlangt geradezu danach, hier den Schlüssel zum Erfolg zu suchen. Dieser liegt zum einen darin das Spiel des Gegners hier zu schwächen, aber genauso selbst wieder einen mittelfristigen Vorteil in der Mitte aufzubauen, der in den entscheidenden Situationen den Unterschied macht. Die Entwicklung geht weiter, Tag für Tag. Vielleicht wird man in 4 oder 6 Jahren sagen, dass die WM der Beginn von etwas neuem war. Wenn es denn so ist, dann hoffentlich mit einem guten Ende für die deutsche Mannschaft, die daran mit beteiligt war.

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. Tracy Chapman feierte einen viel umjubelten Einstieg in die Welt der Popmusik, als sie 1988 auf einem Konzert zum 70. Geburtstag von Nelson Mandela erstmals einen Auftritt vor größerem Publikum hatte. Schon damals war neben „Fast Car“ „Talkin bout a revolution“ ihr Tophit, der, erschienen auf dem nach ihr benannten Debütalbum im gleichen Jahr, seitdem untrennbar mit ihr verbunden ist. Zwar blieben die weiteren großen Erfolge seitdem aus, jedoch ist Tracy Chapman auch nie weg gewesen, sondern legt in bewährter Singer-Songwriter-Manier nach wie vor regelmäßig neue Alben vor, die nicht nur ihre treu Fanbasis erfreuen. Ihre Lieder sind dabei durchaus sozialkritisch, widmen sich aber auch anderen Aspekten des Lebens.

    Der Erfolg von Talkin‘ Bout a Revolution ging einher mit dem Ende der Apartheid in Südafrika und ist seitdem, genau wie Tracy Chapman, untrennbar mit dieser Entwicklung verbunden. Immer wieder wenn es korrupten und überkommenden Regimen an den Kragen geht entwickelt der Song aber eine neue Dynamik, so wurde er eines der Leitlieder des Arabischen Frühlings in 2011.

    In Deutschland war der Song ein Nummer-1-Hit und sicher auch verantwortlich für den Erfolg ihres Debütalbums. Dieses verkaufte sich in Deutschland häufiger als der Weltrekordler „Thriller“ von Michael Jackson.

  2. Die WM ist vorbei… und das mit einem denkbar guten Ende für die Deutsche Nationalmannschaft als neuer Weltmeister. Schaut man nun am Ende darauf wie sich die Zahlen weiterentwickelt haben, so gibt auch dies einen mehr als interessanten Aufschluss. Wie bereits dargelegt wurden bei der ersten Hälfte der Spiele 94 Tore geschossen. Die Anzahl der Tore, die über Außen vorbereitet wurden, überwog bei weitem. Teil man die Tore in Mitte, Links, Rechts und Standards ein, so fielen mit 20 Toren die geringste Zahl durch die Mitte, während über links 23 Tore generiert wurden und über rechts 27, die Standards fallen mit 24 Toren ins Gewicht. Schaut man auf das dritte Spiel der Gruppenphase, so waren es von 42 Toren 16 über links, 10 durch die Mitte und 6 über rechts bei 10 Standards, in den K.O.-Spielen dagegen von 35 Toren 6 über links, 10 durch die Mitte und 8 über rechts bei 11 Standards. Die extrem wichtigen Entscheidungsspiele (3. Gruppenspiel und K.O.-Phase) weisen somit in der Summe die Kombination 77=22+20+14+21 auf, im Vergleich zu 94=23+20+27+24 bei den ersten beiden Gruppenspielen. Man kann daher sagen ein erstes Fazit ziehen:

    1. Generell wurde in den späteren Spielen vorsichtiger agiert
    2. Standards wurden im Verhältnis noch wichtiger
    3. Tore durch die Mitte erhielt etwas mehr Bedeutung

    Mit all diesen Tatsachen lässt sich eine wichtiger Punkt des Artikels bestätigen: Am Ende hat die deutsche Nationalmannschaft verdient gewonnen, weil sie nicht nur – wie viele Statistiken beweisen – das stärkste Team war, sondern weil sie auch taktisch die richtigen Mittel angewendet hat. Insbesondere ist es ihr in der Defensive gelungen mit der Taktik der Innenverteidiger auf den Außenpositionen Tore der Gegner über die gefährlichen Flügel nahezu zu vermeiden. Zudem hat sie es geschafft starke Einzelspieler, welche primär durch die Mitte agieren (etwa Messi und Benzema), in den entscheidenden Spielen auszuschalten, was den Gegnern zuvor nicht so gelungen war. Auf der anderen Seite gelang es aber trotzdem sich nicht in der Mitte auf die Defensive allein zu konzentrieren, sondern auch hier eine Überlegenheit zu generieren, was vor allem durch viele Positionswechsel während der Spiele gelang. So waren Kroos, Schweinsteiger, Lahm und Khedira alle nie allein Sechser, sondern wechselten im Spiel mehrmals ihre Rollen, wobei jedoch ein Spieler meistens allein die Aufgabe vor der Abwehr übernommen hat, dies in einem hervorragenden Zusammenspiel insbesondere später mit den spielerisch intelligenten Innenverteidigern Hummels und Boateng. Dabei ist es erst mal nicht entscheidend, ob dies wirklich eine taktische Finesse war oder ob es einfach nur der hohen Spielintelligenz all dieser Spieler zuzuschreiben ist. Wenn es eine Revolution beim Weltmeister Deutschland auszumachen gilt, dann ist es eben die Vorgehensweise in der Abwehr auch auf den Außen sicher zu stehen und im Mittelfeld durch eine hohe Variabilität und Fluidität trotzdem eine Dominanz sicherzustellen, auch ohne hoch aufrückende Außenverteidiger. Besonders bemerkenswert ist dabei der Rückgriff auf asynchrone und diagonale Formationen. So spielte Kroos eher auf der linken Seite einen spielgestaltenden Achter, während Khedira zum Beispiel eine sehr vertikale Rolle einnahm. Kroos ersetzte daher durch seinen Linksfokus zum Teil das Nichtaufrücken bzw. –mitspielen von Höwedes, während Lahm später auf der rechten Seite einen neoklassischen hochpositionierten Außenverteidiger gab. Dies alles kombinierte mit einer spielerischen Dominanz und kämpferischer Überlegenheit ergibt am Ende einen verdienten Weltmeister.

    Auf der anderen Seite erkennt man an Brasilien auch wie sehr am Ende eine nicht vorhandene taktische Flexibilität bestraft wird. Die Mannschaft war nicht nur einem spielerisch überlegenen Gegner wie Deutschland, sondern auch taktisch dominanten Mannschaft wie den Niederlanden oder Chile mit im Schnitt sicher nicht stärkeren Einzelspielern teilweise hilflos ausgeliefert. Gerade die beiden letztgenannten zeigen dabei zusammen mit Costa Rica wohl die interessantesten revolutionären Ansätze. Aber nicht nur hier waren Dreier- oder Fünferketten in der Abwehr erkennbar, auch andere Teams zeigten diese erfolgreich, so dass man auch taktisch eine äußerst interessante und aufschlussreiche WM resümieren darf.

    Ob diese WM am Ende eine Revolution eingeleitet hat ist aktuell noch nicht zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass es am Ende vielleicht die Revolution war, dass man im Fußball nicht mehr auf ein überlegenes taktisches „Weltsystem“ nachdenken muss. Wie die Welt an sich ist auch die Fußballwelt komplizierter und zugleich transparenter geworden. Die Trainer verfügen über immer größere Stäbe und stärkere Instrumente um Gegner zu analysieren, so dass es für alle Mannschaften zur Regel werden muss, sich taktisch auf den Gegner genauestens einzustellen, wenn man Erfolg haben will. Die vielleicht schon vorher begonnene, hier aber erstmals deutlich gewordene Revolution mag daher diejenige sein, dass in den nächsten Jahren niemals mehr 50 Prozent oder mehr aller Mannschaften ein System spielen werden, wie es dies bisher noch der Fall war. Und spätestens wenn diese der Fall ist spielt es am Ende auch keine Rolle mehr ob es sich dabei um ein 4-2-3-1 oder um welches System auch immer handelt.


Leave a comment

Noch keine Trackbacks.