Die Parkuhr Blog von Stefan Thielen

20Dez/110

Come on, come on, listen to the money talk

Wirklich massive Krisen oder anstehende große Veränderungen erkennt man meist daran, dass sie sich langsam in nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens vorschleichen. Wenn man die Nachrichten der letzten Wochen und Monate aufmerksam verfolgt, so kann man genau dieses Phänomen inzwischen bei der unsäglichen sogenannten „Eurokrise“ erkennen, die sich anschickt nun in ihr drittes Jahr zu starten. Während wir von erfolgreich erzielten Gipfelergebnissen hören, gibt es genügend andere Indikatoren, die eben genau das Gegenteil vermuten lassen. Es seien hier zwei amüsante Beispiele angeführt, die einen zunächst schmunzeln lassen, aber auf der anderen Seite den wahren Schrecken der ganzen Sache vor Augen führen.

Die Eurokrise greift um sich
Die erste interessante Nachricht kommt dabei aus dem Bereich des Sports. Am vorletzten Samstag stieg in Madrid mal wieder das sogenannte „El Clasico“ zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Nicht wirklich überraschend gewannen die Katalanen das Spiel mit 3:1, wobei insbesondere Cristiano Ronaldo am Ende nach mehreren vergebenen Großchancen und dummen Eigensinnigkeiten als größter Verlierer des Spiels feststand. Der teuerste Spieler der Welt stand dabei wenigstens noch auf dem Platz, während Mesut Ösil den zweitteuersten Transfer, Kaka, auf die Bank verbannt hat und dieser nur zu einem Kurzeinsatz kam. Dabei wundert es nicht, dass Ronaldo und Kaka ständig gegen Barcelona völlig überfordert sind, denn eigentlich hätten sie an dem Samstag nicht im Bernabeu-Stadion auflaufen sollen, sondern wohl eher irgendwo im Taunus bei einem Spiel der Betriebsmannschaft der Europäischen Zentralbank [EZB]. Warum? Es ist keine Überraschung, dass Real Madrid die Millioneneinkäufe auf Pump finanziert hat. Finanziert haben dies – wohl auch im Zug der generell hohen Kreditaufnahmen in Spanien der letzten Jahre - spanische Banken und Sparkassen. Diese wiederum finanzieren sich über die EZB, so dass in diesem Sommer die Transferrechte für Cristiano Ronaldo und Kaka bei der EZB als Sicherheit eingebracht wurden. Dies ist zwar insgesamt doch ein eher üblicher Vorgang und so muss man sicher zunächst nicht die Qualität der Sicherheit anzweifeln, denn nur wenn diese nicht das Kriterium der Notenbankfähigkeit aufweisen würde, wäre sie dort nicht akzeptiert worden. Kritisch ist in diesem Zusammenhang eher, dass er beispielhaft dafür steht in welchem Umfang sich in einigen Staaten des Europäischen Zentralbankensystems die Kreditaufnahme gesteigert hat, selbst nach einigen Jahren Krise.

Eine mindestens ebenso interessante Nachricht kommt dabei aus dem bunten Bereich von Musik, Kunst und Kultur. Vor gut einer Woche gab die amerikanische Band Metallica bekannt, dass die Könige des Thrash-Metal ihre Europa-Tour um einige Monate vorziehen. Was bei mir zunächst Freude auslöst die Herren schon bei Rock am Ring bewundern zu können, hat einen traurigen Hintergrund, denn James Hatfield, seine 3 Kollegen und wohl einige Berater rechnen fest mit einer Verschlechterung der Situation im europäischen Währungsraum. Man kann es makaber finden, dass sich die vier Herren hier tatsächlich als die vier apokalyptischen Reiten für den Euro gebärden, jedoch sollte man die ökonomischen Kenntnisse der Band durchaus ernst nehmen, stellen sie diese doch schon mehr als doppelt so lange unter Beweis, wie es den Euro überhaupt gibt. Und selbst wenn diese nicht in hohem Maße vorhanden wären, könnte man sie sich relativ leicht aus musikalischer Quellenrecherche aneignen. So sagen die Kollegen von AC/DC, die es mindestens ebenso genau wissen sollten: „The dollar's up-down, you'd better buy the pound“, zumindest schalt es so aus ihrem uralten „Money Talks“ heraus, und dies ist wohl relativ leicht auf Euro und Dollar übertragbar.

Die deutsche Politik weißt eine erschreckenden Mangel an ökonomische Kompetenz auf
Die Frage ist nun tatsächlich, ob man den Herren irgendwelche Kompetenz in solchen Dingen zugestehen sollte. Nun, wer auf ehrliche Art und Weise dreistellige Millionenbeträge gleich welcher Währung eingespielt hat und dabei weit in der Welt herum gekommen ist sollte diese wohl in gewisser Weise besitzen, auch wenn nicht die ökonomische Schul- oder Studienbank gedrückt wurde. Zumindest lassen die Taten für ein höheres ökonomisches Verständnis sprechen, als es von manchem unserer Politiker aktuell bewiesen wird. Nun soll dieser Beitrag in keiner Weise ein generelles Politiker-Bashing sein. Ich weiß welchen harten Job unsere Volksvertreter auf Bundesebene haben und unterstelle restlos allen gute Absichten. Meine Kritik richtet sich an die Tatsache mit welcher Naivität, Unbedarftheit und mangelnder Dossier-Kompetenz die Probleme im Rahmen der Eurokrise vom Großteil des politischen Establishments angegangen wurden.

Besonders eklatant wurden die Wissenslücken bei Umfragen vor der direkten Abstimmung zum EFSF deutlich, als viele Abgeordnete weder die genaue Höhe noch den Hintergrund für die Finanzhilfen und Garantien kannten, denen sie trotzdem zustimmen wollten. Es ist daher davon auszugehen, dass diese Abstimmungen für die jeweiligen Abgeordneten keine besondere Bedeutung hatten und sie von ihnen als eine von vielen Entscheidungen angesehen wurden. Für mich spricht daher einiges für die Tatsache, dass die Überzeugung welch herausragende Bedeutung eine stabile Währung und handlungsfähige Staatshaushalte für Wohlstand, Freiheit und Frieden haben, nicht von den jeweiligen Politiker geteilt wird.

Wir verlaufen uns lieber auf Nebenspielplätzen
Es ist dabei nicht zu verleugnen, dass die gesamte Thematik eine besondere Komplexität aufweist, die nicht zu unterschätzen ist. Auf der anderen Seite sollte allein schon das lange Schwelgen der Konflikte zeigen, dass es erforderlich ist sich verstärkt hiermit zu beschäftigen. Leider sind aber in diesem Zusammenhang schon gewissen Grundverständnisse nicht gegeben, etwa in welchem Umfang Vertrauen und Kontinuität an den Finanzmärken von Bedeutung sind. Nur so kann man manche Äußerungen von Politiker verstehen, die sich scheinbar durch Aussagen in der Krise profilieren wollen, aber im gleichen Zug ihre völlige Unkenntnis der Materie unterstreichen. Natürlich können Politiker insbesondere der Opposition immer viel fordern, und erwartungsgemäß sind die Forderungen hier auch am absurdesten, etwa wenn man den durchgehenden Ruf aus der SPD nach Eurobonds berücksichtigt. Ärgerlicher sind aber unqualifizierte Zwischenrufe von Politikern der Regierungsfraktion oder sogar aus der Regierung selbst, die der Kanzlerin und den auch an Rettungsaktionen beteiligten Fachministern die Arbeit weiter erschweren. Hier seien nur zwei Bespiele kurz angesprochen.

Im August forderte Armin Laschet, bisher vor allem als Experte für Integrationspolitik aufgefallen, eine offene Diskussion über Eurobonds. Ihm sei dabei positiv angerechnet, dass er diese nur als einen Stein in einem Gesamtkonzept sieht, welches am Ende mehr Integration (aha, sein Fachgebiet!) in Europa bringt. Was an dieser Stelle jedoch ausbleibt ist eine Diskussion, ob Eurobonds überhaupt helfen können. Was ebenso ausbleibt ist eine Beschäftigung mit der Problematik, wie die zu erwartenden 20 Mrd. Euro höheren Zinskosten in Deutschland finanziert werden sollen, die mit Eurobonds anfallen. Und was darüber hinaus völlig ausbleibt ist die Frage, wie man durch Integration am Ende auch ökonomische Konvergenz schafft, denn nur diese ist am Ende für eine dauerhaft erfolgreiche Gemeinschaftswährung von Bedeutung.

Noch absurder ist im gleichen Atemzug der Vorstoß von Arbeitsministerin von der Leyen, aus deren Ressortverantwortung erst einmal gar kein direkter Bezug zum Euro deutlich wird. Auch bei ihrer Äußerung zum Thema ist dies nicht der Punkt, fordert sie auch im August doch sehr populär Griechenlands Goldreserven zu verpfänden. Aber allein bei den Größenordnungen wird klar, welches unsinnige Fass hier aufgemacht wird: Bekanntlich sitzen die Griechen auf einem Schuldenberg von über 300 Mrd. Euro. Selbst bei einem Verkauf der gesamten Reserven zu Bestpreisen kommen wir auf rund 6 Mrd. 2 % weniger Schulden, Hurra! Frau von der Leyen, dass da noch vorher keiner drauf gekommen ist!

Fazit und wie es weiter geht
Was am Ende mit diesen Beispielen deutlich gemacht werden soll, ist das wir uns mit immer neuen Begriffen und Themen von den Kernpunkten der Debatte wegbewegen. Nicht nur die Politiker, sondern auch der Bürger springt von Thema zu Thema: Schuldenschnitt, Gipfel, Bonitätsnoten, Wirtschaftsunion, Eurobonds, Haushaltskommissar, Volksabstimmung, Sparprogramm usw. Gerade diese Drift bringt es aber auch im gleichen Zug mit sich, dass eine intensive Beschäftigung mit den elementarsten ökonomischen Grundlagen des Euro und der ihn begründenden Währungunion unterbleibt. Die große Gefahr die hierdurch entsteht, ist das somit eine langfristig zielgerichtete Politik völlig aus dem Spektrum der Möglichkeiten rutscht.
Dieser Beitrag soll ein Einstieg in eine ebensolche Diskussion sein, die sich über drei Teile streckt und jeweils im wöchentlichen Rhythmus ergänzt wird. Der erste Teil wird sich dabei zunächst grundsätzlich mit den Bedingungen von Währungsunionen beschäftigten, der zweite Teil wird am konkreten Fall des Euro aufzeigen was hier schief gelaufen ist und warum es überhaupt so weit kommen konnte, dass wir heute über die Krise diskutieren. Schließlich wird im dritten Teil aufgezeigt, wie Lösungsmöglichkeiten aus dem aktuellen Dilemma heraus aussehen können. Vor allen Dingen sollen hier klare Entscheidungsalternativen dargestellt werden, von denen es am Ende nur wenige Konstellationen gibt, die überhaupt erfolgsversprechend sind. Ich freue mich über alle Leser die mich auf diesem Weg in den nächsten Wochen begleiten.

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