Die Parkuhr Blog von Stefan Thielen

25Feb/112

Ein zumindest zeitweiliger Rücktritt hätte allen gut getan

Es mag vielleicht nicht der ideale Start sein den ersten inhaltlichen Beitrag meines Blogs einem Thema zu widmen, welches mich emotional stark berührt. Dennoch wäre es sträflich in einem Medium, das sich vorwiegend politischen und wirtschaftlichen Fragen widmen soll, eine die aktuelle Presselandschaft prägende Sache zu vernachlässigen, bei der die Meinungen weit auseinandergehen. Aus diesem Grund, und vor allem da ich eine sehr klare Meinung zu den Geschehnissen rund um die Promotion von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg habe, möchte ich hier daher Stellung beziehen.

Die Person – Sympathieträger in der deutschen Öffentlichkeit

Vielen werden von meiner Seite eine klare Aussprache zu Gunsten des Ministers und seine Verteidigung erwarten. Dies wäre der logische Schritt da ich als Mitglied klar zur CDU stehe und dies auch weitgehend bekannt ist. Ausschlaggebend ist darüber hinaus, dass ich seine Arbeit bisher sehr schätzte, die Gründe sind dabei vielfältig: Für einen jungen Minister war es überaus schwierig, ja geradezu gefährlich, sich gegen unsinnige und populistische Staatshilfen bei Opel zu bestellen. Aber es war richtig, daher hatte er früh meine Sympathien. Auch die Reform bei der Bundeswehr ist überfällig wenn man selbst die massenhafte Verschwendung von Steuermitteln, schlimmste Fehlallokationen sowie unklare Aufgaben und Verantwortlichkeiten aus nächster Nähe erlebt hat. Zudem war und ist die Bundeswehr aktuell einfach nicht auf das neue Spektrum ihrer Aufgaben ausgerichtet. Hier hat er ebenfalls gegen große Widerstände agiert und erfolgreich einen Weg der Neuausrichtung eingeleitet, der absolut überfällig war. Zwar hätte ich mir als CDU-Mitglied eine weitere inhaltliche Diskussion an der Basis gewünscht. Auf der anderen Seite ist es aber einleuchtend, dass solch eine Reform angegangen werden musste solange die Möglichkeit dafür bestand. Dieses zeitliche Fenster hat er eindeutig selbst geschaffen und genutzt, auch durch seine hohe persönliche Zustimmung in der Bevölkerung.

Durch sein Auftreten in beiden Fällen hat sich Karl-Theodor zu Guttenberg ein klares Profil in der Öffentlichkeit geschaffen. Dies wird nicht nur durch seine gezeigte inhaltliche Fundiertheit in den Fällen, sondern auch durch ein stilsicheres Auftreten und eine rhetorische Brillanz unterstützt, die ich mehrmals begeistert selbst erleben durfte. Es ist daher verständlich, dass er schnell zu einem Heilsbringer für Unionsparteien und Gesamtbevölkerung wurde, insbesondere da er sich stark vom Rest der politischen Klasse abhob. In der Geschichte der Bundesrepublik und auch generell in der Politik sind solche „Lichtgestalten“ recht selten. Doch muss man Nebeneffekte solch einer Entwicklung betrachten. Miegel hat bereits 2004 – weit vor dem Hype um „KT“ – analysiert, dass solche Personen in der Politik von der Bevölkerung geradezu gesucht werden. Wenn man es näher betrachtet verwundert dies nicht, denn machen sie es doch dem „einfachen Volk“ überaus bequem sich mit der Politik zu arrangieren. Man projiziert alle seine Wünsche auf den jeweiligen Heilsbringer, vertraut diesem blind und schafft sich so das Gefühl, dass schon alles gut wird. Dies geht einher mit einem Trend in unserer Gesellschaft Dinge zu vereinfachen, welche hochkomplex sind und eigentlich eine intensivere Analyse erfordern würden. So werden immer mehr Themen, Situationen und Meinungen auf Powerpoint- oder Twitter-Fragmente herunter gebrochen. Fatal ist dies insbesondere, da hierdurch breite Bevölkerungsschichten weiter von der Politik abgenabelt werden. Man kann es sich zu Hause im Fernsehsessel bequem machen oder weiter seinen scheinbar wichtigeren Tätigkeiten nachgehen, während man trotzdem ein gutes Gewissen haben kann, dass in der Politik gerade wegen KT alles zum Besten läuft. Man muss aus meiner Sicht jedoch respektieren, dass sich Karl-Theodor zu Guttenberg seine Rolle als Heilsbringer der deutschen Politik hart erarbeitet hat, sowohl durch Geschick wie auch durch gutes Timing. Somit hat er sie sich aus meiner Sicht auch verdient.

Rolle des Plagiats

Gerade im aktuellen Fall wird aber auch wieder deutlich, wie stark vereinfacht Positionen am Ende diskutiert werden. Es geht um ein Plagiat, und daher sollten zunächst die fachlichen Zusammenhänge erläutert werden. Was ist ein Plagiat, wird sich mancher sicher fragen. Um ehrlich zu sein war es mir – eine Schade für mich, aber insbesondere für das deutsche Schulsystem – bis zu meinem Eintritt in die Universität nicht bewusst. Dies änderte sich jedoch recht schnell. Ich musste feststellen, dass sich mein ganzes erste Semester an der ehrwürdigen Universität St. Gallen weniger um hochtrabende Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschaft drehte, sondern insbesondere um die saubere wissenschaftliche Arbeit. Dabei stand die Warnung vor dem Plagiat immer im Mittelpunkt, vor allem welche Auswirkungen damit für einen selbst und Dritte verbunden sind. Dem Studierenden wird dabei im Rahmen dieser Methodenlehre schnell klar warum diese Konsequenzen unausweichlich sind. Ein Plagiat ist kein Kavaliersdelikt, sondern stets eine dreiste Kombination aus Diebstahl und Betrug. Diebstahl, da geistiges Eigentum von anderen Personen ungefragt und ohne Gegenwert übernommen wird. Betrug, da man es als sein eigenes Werk ausgibt und so eine Täuschung gegenüber Dritten vornimmt, welche so ebenfalls in ernste Schwierigkeiten geraten können. Diese Notwendigkeit ein Plagiat nicht als Bagatelle zu sehen haben zahlreiche renommierte Wissenschaftler im Rahmen der Debatte mehrfach betont. Ein Umstand, der leider in der Diskussion viel zu kurz kommt. Ein Plagiat ist dabei selten - ja nahezu unmöglich - ein Fehler. Ein Plagiat geschieht durchgehend bewusst, denn es ist eigentlich in sich widersprüchlich Textstellen ohne geistige Teilhabe zu übernehmen und ohne diese zu zitieren, denn nur so können sie seriös in den eigenen Argumentationsablauf eingearbeitet werden. Entsprechend der Schwere des Delikts Plagiat richtet sich im Universitätsbetrieb durchweg die Härte der Strafen daran aus. So ist es an Universitäten in der Schweiz die übliche Folge eines aufgedeckten Plagiats das Recht zum Studium an allen Hochschulen des Landes zu verwirken.

Nun ist es eindeutig, dass in unserer Gesellschaft Diebstahl und Betrug offen als sozial nicht akzeptable Praktiken eingeschätzt werden. Bemerkenswert ist jedoch, dass dies im Bereich des geistigen Eigentums nur teilweise der Fall ist. Dies beginnt bei gefälschten Rolex-Uhren, Polo-Hemden oder anderen Kleidungsstücken, zieht sich weiter über den illegalen mp3-Download und endet noch lange nicht mit der Nutzung von nicht lizensierten Software-Kopien. Einen besonderen Aufschrei löste die erst 17-jährige Helene Hegermann im letzten Jahr aus, deren Bestseller Axolotl Roadkill zu großen Teilen aus einem Internetblog kopiert war. War dies akzeptabel und als Jugendsünde abzuhacken? Jeder kann die heftige und intensive Diskussion hierzu in Blogs oder anderen Medien verfolgen. Bei Wikipedia alleine ist dieser Teil der Biographie von Helene Hegermann länger als der gesamte Artikel über Karl-Theodor zu Guttenberg. Bemerkenswert ist für mich dabei in der Diskussion die Aussage des Münchner Literaturprofessors Helmut Krausser: „Diebstahl bleibt Diebstahl, da bin ich sehr konservativ. Sich es mit dem Hinweis, heute werde überall geklaut, einfach zu machen, zeugt von wenig Reflexion und einer gewissen Wollust am Selbstbetrug“. Dies trifft die Sache auf den Punkt. Wenn ich auch selbst zugeben muss schon gefälschte Produkte gekauft, mp3s runtergeladen und Software ohne Lizenz verwendet zu haben, so ist und bleibt dies am Ende doch falsch. Einschränken möchte ich allerdings diese Ausführungen in Teilen für die Kunst. So teile ich im Fall von Hegemann eher die Meinung von Marcel Reich-Ranicki, der betont, dass in der Kunst immer schon zitiert, kopiert und weiterverwendet wurde. Und dies ist völlig klar, denn wo sollte in Da Vincis Abendmahl eine Fußnote hingehören, auch wenn er sich eindeutig von anderen Werken dazu inspirieren ließ? Auch hier ist der wichtige Unterschied zwischen Plagiat und Zitat zu sehen. Allein in der Kunst ist es erlaubt zu zitieren ohne unbedingt die Quellen anzugeben. Die Parallele zum Plagiat ist hier eher die dreiste Fälschung eines ganzen Werks. Und so ist und bleibt auch eine Fälschung immer eine Fälschung, selbst wenn von der Technik her ein Werk van Goghs für den Laien nicht unterscheidbar kopiert wurde. Analog dazu bleibt in Wirtschaft und Wissenschaft das Plagiat jedoch unentschuldbar. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass ein Kern der Arbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg als Wirtschaftsminister sich dem Kampf gegen chinesische Plagiate widmete.

Es kann festgehalten werden, dass ein Plagiat ein überaus verwerflicher Tatbestand ist, der leider in der Öffentlichkeit nur in geringem Maße als solcher angesehen wird. Neben der geschilderten Darstellung eine üble Mischung aus Diebstahl und Betrug zu sein, kommt eine weitere charakteristische Eigenschaft hinzu: Das Plagiat schadet nicht nur dem, der es „erschafft“. Ganz im Gegenteil birgt es in sich die Gefahr von erheblichen Kollateralschäden. Bildlich verhält es sich wie eine gut versteckte Terrorbombe die zu einem unbekannten Zeitpunkt explodiert und dabei auch und gerade viele Unschuldige verletzt. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung ist, dass bei einer Gruppenarbeit im Masterstudium einer der vier Beteiligten ein Plagiat als seinen Teil der Arbeit abgeliefert hat. Durch reinen Zufall ist einem anderen Mitstreiter dieser Zusammenhang kurz vor Abgabe aufgefallen. Wie nun handeln? Trotz erheblich investierter Arbeit entschieden wir uns am Ende die Arbeit nicht abzugeben. Hätten wir es riskieren sollen wegen der Verfehlungen eine Kollegen aus dem Studium ausgeschlossen zu werden? Dieser Fall einer Gruppenarbeit mag die Ausnahme sein, aber man muss bedenken, wer alles durch ein Plagiat geschädigt werden kann: Der Korrekturleser (z.B. Professor), wenn es ihm zu Beginn nicht auffällt, er aber bei einer späteren Aufdeckung auch wie der Kaiser ohne Kleider da steht. Die Universität, welche auf dieser Basis Titel vergibt und deren wissenschaftlicher Ruf leidet. Spätere Wissenschaftler, die in gutem Glauben die Plagiate zitieren und deren Arbeit auch droht wertlos zu werden. Und am Ende wie bei jedem sonstigen kriminellen Akt auch die Familie des Betrügers, die unter der immensen Rufschädigung zu leiden hat. Im Falle von wirtschaftlichen Plagiaten sei auch der bewusst geschädigte genannt, der eigentlich zum Beispiel die Teller von Villeroy & Boch kaufen wollte und nicht dreiste Fälschungen, deren schlechte Qualität sich vielleicht erst Jahre später herausstellt. All dies sind Aspekte, welche teilweise sogar die Existenz von Dritten bedrohen und daher dem Plagiat eine umso verwerflichere Dimension verleihen.

Auf zwei weitere Aspekte des Plagiats möchte ich nur kurz eingehen, nämlich die Faulheit und die Dummheit. Faulheit, da es nur geringfügig mehr Arbeit kostet eine korrekte Fußnote einzufügen als dies eben nicht zu tun. Dummheit, da Lügen eben kurze Beine haben und ein Plagiat in vielen Fällen eben doch aufgedeckt wird. So erfordert es schon eine geringe geistige Weitsicht sich am Ende für das Plagiat zu entscheiden, wenn man gesparten Mehraufwand und eingegangenes Risiko in ein entsprechendes Verhältnis setzt.

Die Affäre und ihre Auflösung

Inzwischen hat sich die Affäre weiterentwickelt und es zeichnet sich ein mögliches Ende ab, welches ich – so viel vorweg – mehr als unbefriedigend empfinde. Trotzdem mag ein Blick auf den Verlauf der Dinge weiterhelfen. Zunächst ist es bemerkenswert, wie die Affäre aufflog. Ja, man mag auf einen linken und vielleicht vorurteilsbehafteten Professor hinweisen, der die Sache ans Licht brachte. Ich sehe dies nicht als relevant an, denn wenn es ein Fehlverhalten ist – dazu später – sollte es aufgedeckt werden. Wer weiß schließlich, wie vielen konservativen Wissenschaftler der Fall vorher schon aufgefallen ist, die sich hierzu nicht geäußert haben? Wie weit der Fall ging ist inzwischen mehr als geklärt, dies zeigt auch die späte Entscheidung von Karl-Theodor zu Guttenberg und die schnelle Reaktion der Universität Bayreuth den Titel abzulegen, bzw. abzuerkennen. Schon an den ersten aufgedeckten Stellen wurde die Natur des Plagiats eindeutig. Inzwischen ist klar, dass die Arbeit eigentlich völlig wertlos ist. Es macht einen außenstehenden Beobachter sprachlos, wie einer Universität, einem Lehrstuhl und einem Professor dies nicht auffallen konnte. Scheinbar verwendet man hier nicht mal die einfachsten Prüfmechanismen, Softwareprogramme oder Korrekturmethoden. Insbesondere die Auszeichnung summa cum laude, die eine intensivere Analyse verlangt hätte, ist ein Hohn. Hier zeigt sich deutlich der von mir vorab geschilderte Zusammenhang der Kollateralschäden. Wer traut jetzt noch einer Promotion der Universität Bayreuth? Zumindest die wissenschaftliche Reputation hat – eigentlich nicht wiederherstellbar – gelitten. Eine Tragödie für eine Institution mit inzwischen doch gewisser Tradition.

Welche Rolle spielte Karl-Theodor zu Guttenberg beim Verfassen der Dissertation? Für mich ist es im Prinzip unerheblich, ob sich am Ende Ghostwriter an der Arbeit beteiligt haben oder nicht. Auch die möglicherweise nicht angemessene Beteiligung des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags steht zunächst an zweiter Stelle und kann sicher erst in der Zukunft geklärt werden. Fest steht allerdings, dass es eben keine zufälligen Fehler waren. Hier wurde bewusst gemogelt, geschummelt und getrickst. Unerheblich sind ebenso die Tätigkeiten als Abgeordneter und Familienvater des Promovenden. Keiner hat zu Guttenberg gezwungen eine Doktorwürde – der Begriff erscheint inzwischen lächerlich bei den Zusammenhängen – zu erlangen. Wenn er sich hier selbst überfordert hat, so ist dies noch viel verwerflicher und eben keine Entschuldigung. Was soll man heute einem Minister zutrauen, der noch vor 5 Jahren seine Belastbarkeit bei einfachen Dingen die Zehntausende junge Forscher jedes Jahr leisten nicht richtig einschätzen konnte? Ebensolche Zweifel sind aus meiner Sicht an der Entscheidungsfähigkeit und der intellektuellen Abstraktionsfähigkeit des heutigen Ministers angebracht. Wie konnte er sich dazu entscheiden, ein solch fehlerhaftes Werk wirklich abzugeben? War es Naivität oder einfach nur Dummheit zu glauben, dass dies niemals auffällt? Zu alldem mag sich jeder seine eigene Meinung bilden, aber in jedem Fall kann all dies kein gutes Licht auf die tatsächlichen Fähigkeiten der Lichtgestalt werfen.

Trotz allem, die Arbeit war ein Fehler der Vergangenheit, und daher sollte der Blick auf den weiteren Verlauf der Affäre und den Umgang des Ministers damit geworfen werden. Gerade dabei zeichnet sich aus meiner Sicht ein verheerendes Bild. Der erste Auftritt im Verteidigungsministerium war einfach nur peinlich, schlecht vorbereitet und überaus dreist. Es zeigt sich wieder einmal die von Wolfgang Schürer oft bemerkte Tatsache, dass in einer Krise eine Lüge zur Eskalation führt. Obwohl die Natur des Plagiats schon quasi nicht mehr abzustreiten war, nannte zu Guttenberg die Vorwürfe „abstrus“. Eine schamlose Lüge, nichts weiter. Statt sich zunächst nicht zu dem Thema zu äußern täuschte er bewusst die Bevölkerung und spielte ihr falsche Tatsachen vor. Nur noch übertroffen wird diese erste Dreistigkeit durch die zweite, die jetzt schlimmer weise auch noch immer weiter zitiert wird und die Hauptverteidigunglinie in der Argumentation bildet: Deutschland habe anderer Probleme, und damit verbunden der Verweis auf die toten deutschen Soldaten in Afghanistan. Was soll das? Weil wir Arbeitslosigkeit haben kümmern wir uns nicht um den Umbau der Bundeswehr? Weil wir viel zu hohe Schulden haben bauen wir unsere Sozialsysteme nicht weiter um und machen sie zukunftsfähig? Seit wann schließt das Vorhandensein eines Problems den nötigen Umgang mit einem anderen aus? Natürlich haben wir in Deutschland einige Probleme. Trotzdem muss das erhebliche Fehlverhalten eines gewählten Amtsträgers offen angesprochen werden. Viel schlimmer aber als diese bereits abstruse Argumentation ist die bodenlose Frechheit zu behaupten, dass wegen drei toten Soldaten der Diebstahl von geistigem Eigentum und noch dazu Lügen des Verteidigungsministers nicht zur Debatte stehen. Dies schlägt dem Fass den Boden aus. Der Würde vor dem Opfer, welches diese drei Soldaten für Deutschland und die freie Welt gebracht haben, hätte mehr verlangt als sie vorzuschieben um von eigenem Fehlerverhalten kurzfristig abzulenken. Es wundert mich immer noch, dass dieser Versuch in den Medien nicht mehr abgestraft wird. Aus meiner Sicht einfach nur erbärmlich für jemanden, der selbst einmal gedient hat und Deutschland auch jetzt dienen sollte. Dies hat mit Tapferkeit nichts, aber auch gar nichts, zu tun.

Vor dem Hintergrund dieser ersten Äußerung wird die Situation noch absurder, als der Minister dann nur kurze Zeit später auf seinen Titel verzichtet. Trotz dem teilweisen Eingeständnis der schweren Schuld sieht er darin keinen Grund zum Rücktritt. Man muss es sich nochmals vor Augen führen und sollte dabei auf die Fakten achten und nicht auf die Person. Hier hat jemand in einem schweren Fall betrogen und gelogen und sich auf diese Art und Weise einen Titel verschafft und getragen, der ihm nicht zusteht. (Wir wollen – da dies bisher unbewiesen ist - die Tatsache dass u. U. auch staatliche Stellen für den persönlichen Nutzen missbraucht wurden gar nicht erst in die Argumentation einbeziehen!). Diese Person zeigt wenig bis keine Reue, sondern begleitet weiter ein überaus wichtiges Amt im Staat und ist Dienstheer von mehreren Hunderttausend Staatsangestellten, gleichzeitig auch Kommandeur von einer Armee die sich faktisch im Krieg befindet und täglich Tote zu beklagen hat. In welcher Bananenrepublik befinden wir uns eigentlich?

In der freien Wirtschaft, zum Beispiel bei einem am Aktienmarkt notierten Unternehmen, wäre so ein Fall undenkbar. Auch hier gibt es Parallelen, die zu betrachten es sich lohnt. Michael Träm war Europachef der Unternehmensberatung A.T. Kearney als bekannt wurde, dass er einen Doktortitel trug, den er in Deutschland nicht führen durfte. Er hatte sich diesen nicht mal erschlichen wie es im Fall von zu Guttenberg der Fall ist. Träm zog nach Protesten dennoch die Konsequenzen und legt alle Ämter ab, zog sich für mehrere Jahre an eine deutsche Universität zurück um den Doktortitel ordentlich nachzulegen und stieg dann wieder ins Geschäft ein. Da seine fachlichen Qualitäten – hier eine klare Parallele zu zu Guttenberg – unbestritten waren wurde er mit offenen Armen empfangen und ist inzwischen im weltweiten Führungsgremium von Arthur D. Little, der ältesten Unternehmensberatung der Welt. Heute wird Träm nicht mehr mit dem was passiert ist in Verbindung gebracht, sondern als das was er ist: Ein fachlich brillanter Berater und eine kompetente Führungsperson.

Zu Guttenberg hat diese Chance verpasst, ich würde eher sagen vermasselt. Warum hat er nicht seine Fehler zugegeben, seinen Rücktritt erklärt und sich an die Universität zurück gezogen, um etwa binnen zwei reichlicher Jahre die Fehler aus seiner Arbeit auszumerzen? Auch falls dies die Bestimmungen so vielleicht nicht zulassen, ein ähnlicher Weg wäre sicher möglich und sauber gewesen. Aus meiner Sicht unzweifelhaft, wir brauchen Leute wie - und vielleicht auch gerade einen – zu Guttenberg. Wir, das sind die konservativen und liberalen Parteien, wir, das ist aber auch Deutschland. Trotzdem: spätestens in 2 Jahren kommt der nächste Wahlkampf in Bayern und Deutschland und er hätte in einem noch helleren Licht zurück kommen können. Hätte.

Am Ende hat er sich für einen anderen Weg entschieden, und ich frage mich ob er sich hier nicht von falschen Stimmungen und Freunden hat lenken lassen. Die Stimmung in der CDU/CSU hat ihn geradezu gedrängt nicht zurück zu treten. Aus meiner Sicht eine sehr kurzfristige Entscheidung, denn sie schadet dem Profil der Parteien dauerhaft. Auch die Stimmung in der Bevölkerung hat ihn dabei unterstützt, denke ich. Aber die Frage ist ob dies dauerhaft so bleibt. Am Ende bleibt immer was hängen, so meine Erfahrungen.

Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft

Aus den bisherigen Schilderungen mag man entnehmen, dass ich mich vor allem um die Gerechtigkeit in dem geschilderten Fall sorge. Dies ist aber weniger der Fall. Vielmehr sorgt mich die Strahlkraft welche die Affäre und die finale Entscheidung hat für meine Partei CDU und für Politik und Gesellschaft hat. Wie es die FAZ in diesen Tagen bereits geschrieben hat ist durch den Fall der Betrug gesellschaftsfähig geworden. Wer muss sich noch darum sorgen bei der Steuer zu hinterziehen, miserable Waren zu verkaufen oder gar Urkunden zu fälschen, wenn unsere Führungsspitze es ebenso tut? Vor allem aber, was für Vorbilder stellen wir hier für unsere Jugend dar? Es steht jedem frei zu prüfen wofür andere in den Medien angeprangert werden, mit oder ohne Boulevardisierung: Fahren bei Alkoholgenuss, Fremdgehen, Zuverdienste, und so weiter. Ja, alle diese Taten sind schlimm. Aber man muss immer sehen welche Ursachen sie hatten, was der Zweck der Sache war und wem am Ende geschadet wurde. Ich finde gerade hier nimmt die gesamte Gesellschaft Schaden.

Besonders makaber ist in diesem Fall, dass man sich nun trotzdem auf tiefere Werte berufen kann. Kaum jemand hat sich in der Politik bisher so auf traditionelle Werte wie Ehre, Würde, Geradlinigkeit, Wahrheit und Verlässlichkeit berufen und diese zu Recht zurückgefordert wie zu Guttenberg. Es war die schon fast nicht geglaubte Rückkehr konservativer und bürgerlicher Werte. Sind es nicht gerade diese Werte, warum man sich für die CDU oder CSU entscheidet? Ich denke falls nicht könnte man auch in einer anderen Partei sein, denn wie flexibel man dabei sein kann hat die FDP oft nach der Wahl gezeigt. Und nun diese Schande, welche auch in Zukunft - da keine Trennlinie gezogen wird -  damit verbunden sein wird. Meine tiefe Sorge ist, dass unser Teflonminister unbeschadet und stärker aus der Affäre hervorgeht, aber dass die konservativen und bürgerlichen Parteien schwere Schäden in der Glaubwürdigkeit nehmen. Die meisten von uns haben ihn in seinem Fehlverhalten gestärkt, haben sich als moralisch flexibel erwiesen. Wir legen hier Alleinstellungsmerkmale und ein Profil ab um die persönlichen schweren Verfehlungen einer Person zu decken, die bisher mehr von uns profitiert hat als wir von ihr. Sind wir uns dessen überhaupt bewusst? Schauen wir uns doch die letzten Wahlergebnisse, auch in Bayern, an. Sie reden nur vom Merkel-Malus, aber wo ist der Guttenberg-Bonus. Ich habe ihn nicht gesehen, außer bei den Erststimmen in Kulmbach. Der Vergleich mit der fränkischen Wettertanne passt in dem Sinne besonders da sie sehr biegbar ist, koste es was es wolle. Aber dies ist doch nicht meine CDU!

Nicht zuletzt sei auch nochmals die Wirkung auf die Wissenschaft festgehalten. Wir weisen auf Deutschland als Wissenschaftsstandort hin, sehen hier unsere Zukunft und dann ist es uns völlig egal wenn mit der Krone der wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung Schindluder getrieben wird. Es ist bedauerlich, dass hier auch die klare Trennung von Wissenschaft und Politik nicht mehr viel zählt, wenn man sieht wie schnell die Universität Bayreuth alles Mögliche tut nur um sich und den Minister, der ihr so schwer geschadet hat, zu schützen. Das Ganze ist auch ein Hohn für die tatsächliche Leistung in der Wissenschaft. Das mit der Debatte die Bagatellisierung des Plagiats einhergeht ist eine Katastrophe, und man hat fast den Eindruck viele wollen sich plötzlich selbst schützen. Wichtiger oder fataler ist jedoch die Wirkung an die jetzigen Wissenschaftler: Jeder darf versuchen seine Promotion auf trickreichem Weg zu erschleichen, und wenn es nicht geht lässt er es eben und/oder macht Karriere in der Politik. Ich frage mich, ob wir so in einem internationalen Wettbewerb bestehen wollen, wenn wir nur mehr Schein als Sein zu bieten haben? Die BILD-Zeitung, welche bisher nicht unerheblich zum Guttenberg-Hype beigetragen hat, hat es in einer ersten Kolumne von Wagner auf den Punkt gebracht:  In freien Worten „Wir mögen sie auch ohne Doktortitel!“, oder ganz direkt von Wagner formuliert und hier zitiert: „Scheiß auf den Doktor!“ Ich frage mich, ob wir in unserem Land mehr Wagners oder mehr Doktoren bräuchten. Die wirtschaftliche, demographische und gesellschaftliche Entwicklung plädiert für letzteres, aber scheinbar tendiert die Bevölkerung inzwischen zum ersten. Im Fall von George W. Bush kam häufig der Spruch, dass jedes Volk die Führer erhält die es verdient. Nicht mehr „E pluribus unum“ (aus vielen eins), sondern „suum cuique“ (Jedem das Seine). Ich meine nach dem was geschehen ist gilt eben das für unsere ganze Gesellschaft: Dem Verfall der Werte und des Zusammenhalts wir Vorschub geleistet.

Aber am Ende zurück zum Menschlichen: Ja, wir alle schummeln mal, auch dieses Argument ist klar. Aber fest sollte doch auch stehen, zumindest für mich, dass wenn ich erwischt werde ich zu meinen Fehler – von mir aus auch Jugendsünden – zu stehen habe und diese korrigiere bzw. die Konsequenzen ziehe. Leider sehen das nicht alle so, sondern die Devise heißt weiterwurschteln so lange es geht und egal welche Konsequenzen daraus entstehen, egal für wen. Augen zu und durch. Was bleibt ist aus meiner Sicht ein Trümmerhaufen, denn was sollen wir für Lehren aus dieser Affäre ziehen. Am Ende ist der Ehrliche der Dumme, frei nach Ulrich Wickert.

Als Fazit dieser Ausführungen bleibt mir nur noch der Appell: Herr zu Guttenberg, ziehen sie die Konsequenzen und treten Sie von Ihren sämtlichen öffentlichen Ämtern zurück! Dieses Land braucht Sie, vielleicht, sicherlich, wie auch immer. Aber bringen Sie zunächst Ihre persönlichen Angelegenheit mit Fleiß, Gradlinigkeit und Ehrlichkeit wieder in Ordnung, so wie es sich gehört. In den Jahren dazwischen schaffen wir es auch ohne Sie. Die CDU/CSU hat ihm Gegensatz zu anderen Parteien eine breite Basis an kompetenten und eloquenten Damen und Herren zu bieten, die Sie in der Zwischenzeit vertreten werden, bevor Sie uns mit neuer Frische und völlig unangreifbar wieder herzlich willkommen sind. Ich bedauere es aber, dass sie sich schon offensichtlich für den leichten Weg entschieden haben. Dieser dürfte Ihnen zwar genehm sein, aber nachhaltig großen Schaden anrichten wird.

Noch eine persönliche Note am Ende: Ich habe seit Jahresbeginn lange überlegt, ob ich meinen Plan zur Promotion wirklich durchziehe. Es ist eine große Herausforderung in dem Zeitrahmen der mir zur Verfügung steht. Gerade nach dem was ich jetzt aber erlebt habe steht für mich fest, dass ich das Ganze durchziehe. Ohne Plagiate. Ihr dürfte jede einzelne Zeile kontrollieren, Ihr werdet keines finden. Nicht ein Einziges. Wie übrigens in allen meinen bisherigen Arbeiten.

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. stefan,mir fehlt leider die zeit deinen kommentar komplett zu lesen. ich habe ihn kurz überflogen, jedoch den letzten abschmitt komplett gelesen. dem kann ich nur noch voll und ganz zustimmen.
    jeder hat mal im leben geschummel, aber wohl die wenigsten haben die cuzpe oder dreistigkeit (ja nach standpunkt) diese schummelei auch noch unterschreiben mit dem vermerk, diese sei allein dem eigenen gedankengut entsprungen. dies ist fahrlässig. als jurist eine solche unterschrift zu leisten ist vorsätzlich.
    unser allseits geliebter verteidigungsminister hätte juristisch belangt werden können/müssen.
    Die konsequenz wäre klar.
    nun, aufgrund von partei-rason wurde diese einmalige gelegenheit, der wahrheit zum sieg zu verhelfen, wieder einmal nicht weiterverfolgt. schade. es hätte daher also der eigenee aufarbeitung bedurft.
    dies kann man aber schwerlich von jemanden verlangen, der nur dem eigenen fortkommen bzw. überleben verpflichtet ist. hätte unser geliebter law-and-order verfechter, eigene gewissen kontinuität betrieben und wäre er dem eigenen anspruch gerecht geworden, so hätte er, ähnlich wie zu anderen gelegenheiten, in denen er andere – ausgrund von fehlern – schasste, sich selber auch in die wüste schicken müssen. der wahrheitsfindung hätte dies geholfen.
    so werden nun aber nur noch mehr der klischees unterstrichen.
    ein armutszeugnis für dieses land und die es regierende politische klasse.
    ein blinder schelm oder vorsätzlicher ignorant, der sich da noch über über politikverdrossenheit verwundert.
    Gruss
    Andreas

  2. Er hat Deinen Blog wahrscheinlich jetzt erst gelesen!


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